Kolumne

KOLUMNE

Fragmente zwischen dem Leben

Gedanken über das Leben, kurze Beobachtungen und literarische Reflexionen – Texten im Stile einer Kolumne.

Eine Auswahl:


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Er sieht mich nicht, obwohl er starrt.

Er fragt mich nicht, obwohl er keine Antwort hat.

Ich bin in einer Illusion gefangen.

– Für einen sterbenden Palast –

Ich schaue Dich an – mit Distanz.

Ich schaue Dich an – schüttle den Kopf.

Ich schaue aus der Ferne, von einem Platz, der

klar erscheint.

Einen Brunnen gibt es und ihn und sie und es.

Warum schaust Du so aus?

Was haben sie mit Dir gemacht?

Anfangs warst Du alles für sie und nun bist Du

nichts mehr.

Fast nichts mehr.

Du hast den Kampf verloren, sie waren zu gierig

und sind es noch!

Verworfen, verstoßen, verdrungen.

Es hat nicht mehr gepasst, Du hast nicht gepasst.

Schritt für Schritt, Scheibe für Scheibe, Stein für

Stein.

Noch kann ich Dich sehen und blicke jeden Tag

mutlos herüber, Blicke durch Dich hindurch.

Wird es auch mir so ergehen?

Deinen Mantel haben sie Dir ausgezogen. Viel zu

lang ließen sie Dich nackt stehen.

Deine Haut rissen sie ‚runter unter

hoffnungsvollem Protest. Deine Eingeweide

hatten sie bereits verscherbelt. Dein Blut sei längst

vertrocknet und vergiftet, erklärten sie.

Doch sie lassen Dich nicht gehen, nicht so schnell,

mein Freund!

Erst sollst Du leiden, ehe Du verweilen kannst –

wo auch immer das sein wird.

Deine zerfallene Seele ist noch da, solange der

letzte Pfeiler steht.

Bald wird etwas Neues kommen, das weiß ich

schon jetzt, ist ja schon geplant.

Stein auf Stein, Scheibe auf Scheibe, Schritt für

Schritt.

So muss es eben sein, so ist’s nun ‚mal.

Keiner wird mehr wissen, wie es war, wie Du

warst.

Sie sind dann andere und blicken dann auf etwas

Neues und werden staunen und bewundern.

Eine wunderschöne, passende Oberfläche,

seelenlos wie sie selbst.

Ich bin noch immer hier und warte und klage.

Warte auf ein Ende und klage, warum nicht einer

stark und wichtig genug war, Dich zu retten.

Sie haben Dich getötet, so wie sie es mit allem tun,

was ihnen nicht passt und nützt.

Ich stehe auf einem Platz.

Einen Brunnen gibt es

und ihn, der alles überwacht,

sie, die betet,

es, das befiehlt –

und Du, der schwindet.

Ich schaue Dich an und wende den Kopf, meine

Lippen ziehen sich ernst zusammen, wie für ein

„Tja, so ist das nun ‚mal“.

Auch für mich wird’s Zeit.

Langsam brauche auch ich eine neue Illusion.

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